Quarantäne ist ein Privileg!

Kontaktsperre – Ein Zustand, der für die meisten in Deutschland lebenden Menschen Neuland ist. Die Politik plädiert auf Solidarität und Rücksichtsnahme und vor allen Dingen auf das Herunterfahren des öffentlichen Lebens - so weit es nur geht!

Allgemeine Angst vor den Folgen des Virus drückt sich in Deutschland momentan durch Hamsterkäufe in Supermärkten aus, in denen vor allem das Klopapier leergeräumt wurde. In ihrer Rede an alle Bürgerinnen und Bürger warnt Kanzlerin Angela Merkel deshalb: "Vorratshaltung ist sinnvoll, war es im Übrigen immer schon. Aber mit Maß. Hamstern, als werde es nie wieder etwas geben, ist sinnlos und letztlich vollkommen unsolidarisch." Also: Alles mit Sinn und Verstand, bloß keine Panik. Aber wer sollte denn eigentlich Panik haben?

Die Antwort liegt nahe: Die Ärmsten der Gesellschaft. So berichtet die Obdachlose „Kendy“ aus Berlin dem „Deutschlandfunk“: „Die meisten Unterkünfte sind geschlossen. Und ich lebe halt im Hostel für 10€ pro Nacht, aber das geht auch nicht immer, weil jetzt, wo so wenig Leute unterwegs sind, habe ich halt auch keine Chance, irgendwie 10€ zusammenzubekommen.“ Neben den noch offenen Einrichtungen werde überlegt Hotels als Ausweichmöglichkeiten zu organisieren, um den persönlichen Schutz vor dem Virus zu ermöglichen. Denn auf der Straße ist das kaum möglich und viele Obdachlose sind aufgrund von Vorerkrankungen und der generellen Lebensumstände zu der „Risikogruppe“ des Virus zu zählen.

Frankreich. Ein Bericht der „Zeit“ erzählt von den Zuständen in Pariser Vororten, die sogenannten Banlieue, von denen einige für Bilder von Plattenbau-Fassaden und Schreckensberichten über die dort herrschende Kriminalität bekannt sind. Trotz der in Frankreich verhangenen Ausgangssperre halten sich dort noch längst nicht alle daran. Anwohner haben sich über die noch gefüllten Straßen online beschwert. Rund zehn Prozent der Verletzungen der Ausgangssperre seien im Banlieue „Seine Saint Denis“ vorgefallen, trotz der drohenden 230 Euro Strafe. Bewohner Hamza Esmili berichtete der „Zeit“, dass viele seiner Nachbarn Tagelöhner auf dem Bau seien. Sie teilen sich Unterkunft und Bett, geschlafen würde in Schichten, einer tags, einer nachts. Sich so an die Vorschriften halten? Eine Unmöglichkeit. Der gemeinnützige Verein „Secours Populaire“, der sich auch im Viertel „Seine Saint Denis“ im Bereich Armutsbekämpfung einsetzt, erklärt in der französischen Zeitung „LeParisien“, dass sie neben der gesundheitlichen Krise einen „Nahrungsmittelkrise und einen Mangel an Solidarität für die Ärmsten“ befürchten. Außerdem bestehe schon jetzt ein Mangel einiger Hygieneprodukte, so auch Windeln, wahrscheinlich aufgrund erhöhter Nachfrage in Supermärkten.

Weltweit blickt man zunehmend auch mit großer Sorge auf die ärmsten Länder der Welt, die Herausforderungen, die das Coronavirus mit sich bringt, zum Teil nicht gewachsen sind oder sein werden. Ein Kommentar eines führenden deutschen Virologen, Christian Drosten, gibt den Befürchtungen einen konkreten Ausdruck: "Zwischen Juli und August werden wir Bilder sehen, die wir sonst nur aus Kinofilmen kennen. Da wird es Szenen geben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können."

Als ein Beispiel interviewte die BBC Ramesh Kumar aus dem indischen Bundestaat Uttar Pradesh zu seinem täglichen Leben in Zeiten der Pandemie: „Ich verdiene jeden Tag 600 Rupien (8 USD; 6,50 £) und habe fünf Leute zu füttern. In ein paar Tagen werden uns die Lebensmittel ausgehen. Ich kenne das Risiko eines Coronavirus, aber ich kann meine Kinder nicht hungrig sehen."

Wenn es das Einkommen nur ermöglicht von Tag zu Tag zu leben oder wenn Wohnung, Bett oder sanitäre Einrichtung geteilt werden müssen, ist das Einhalten von Ausgangssperren oder Quarantänen schwierig oder unmöglich. Es ist die bittere Wahrheit: Quarantäne ist ein Privileg, in Deutschland wie in der Welt.

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